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Danke und viel Spaß beim Weiterlesen!

1 Kommentar 23.3.12 16:02, kommentieren

Unscharf

Eine Minikurzgeschichte von mir, unterliegt natürlich, wie alles hier (und sofern nicht gesondert gekennzeichnet meinem Copyright!

Sie hatte den Schmetterling erschossen. Das Hohlspitzgeschoss hatte das kleine Tier gnaden­los, fast genau mittig, durchbohrt und dann mit gekonnter Präzision in die steinerne Wand gepresst. Fassungslos starrte Mimi ihre Freundin aus den eisblauen, welche für den kleinen Kopf viel zu riesig wirkten, an: 'Alter, Falter!' Lena sicherte die Waffe und ließ sie über den klapprigen Gartentisch schlittern. Der Wind zerrte an den Ästen, der Bäume, welche den Garten einrahmten, begierig darauf, auch das allerletzte Blatt davonzutragen. Mimis blondes Haar tanzte. Ich liebe dich. Ich liebe alles an dir. Dass du die Socken immer auf links trägst, dass du beim Kopfsteinpflas­ter nicht auf die Linien treten willst. Ich liebe deine Haut, die nach Vanille riecht, dass du immer schlafen kannst, deinen Kirschmund und deine dreckige Lache. Ich liebe deine kindliche, naive Art mit der du an die Dinge herangehst und ich liebe es, dich immer wieder in Erstaunen zu versetzen. Mimi ging zu dem Schmetterling und strich sanft über den Leichenmatsch. 'Tut mir leid, Kleiner. Du musstest sterben, weil du zu schön warst.' Lena grinste. 'Soll ich nochmal?'

Der Deckel der Whiskyflasche knirschte, als Lena ihn hastig aufschraubte. Viel war nicht mehr drin, zu oft hatten die Erinnerungen in den letzten Tagen in ihrem Schädel gebrannt und sie in diese Ecke geworfen, wie einen alten Müllbeutel. Sie wusste nicht, wie spät es war, denn der Akku ihres Mobiltelefons war seit Tagen leer, sie wusste auch nicht, welcher Tag war, denn auf dem Kalender standen nur bedeutungslose Buchstaben- und Zahlenkombinationen, die sich ihrem Verstand nicht mehr erschließen wollten. Mit einem Schluck leerte Lena ihr Glas. Sie spürte nichts. Sie spürte gar nichts mehr. Dauer-dissoziiert. Sie griff nach einer Schere, die einen halben Meter entfernt vor ei­nem Karton lag. Lena wusste nicht mehr, was der Karton enthalten hatte. Sie sah, wie sich rote Flüsse auf ihrem Unterarm bildeten, doch sie spürte es nicht. Sie spürte gar nichts. Am ganzen Arm gab die Haut nach. Nichts. Wütend schleuderte sie das Metalteil durch den Raum. 'Scheiße!' schlug sie ihren Hinterkopf wieder und wieder gegen die Wand. Und wie Klebetropfen liefen ihr die Tränen über das bleiche Gesicht.

'Störe ich dich in deinen Träumen?' Mimi sah von ihren Schuhen auf, mit denen sie einen kleinen Laubberg erschaffen hatte. 'Nein. Eher in meinen Wirk­lichkeiten.' Lena setzte sich neben ihre Freundin auf die Bank, von der schon die Farbe abblätterte und in großen Stücken vom Wind fortgetragen wurde. 'Wie geht es dir heute?' Mimis Augen leuchteten schwach und das Lächeln, das sonst ihre Mundwinkel umspielt hatte, schien verstorben und auch die Stimme schwächelte: 'Ich muss immer an die Schlange denken, die mich einst in den Fuß biss, weißt du?' Lena schüttelte den Kopf. 'Nicht wirklich, nein.' Sie gab ihrer Banknachbarin einen Kuss auf die Stirn. 'Lass uns nach Hause gehen, es ist so kalt hier.'

Offensichtlich musste sie sich in den Schlaf geheult haben. Ihr Kopf fühlte sich vergewaltigt an, ihre Armen schmerzten bedrohlich stark. Vielleicht ging sie besser zum Arzt. Mit zwei Fingern be­wegte sie ein paar gelöste Hautlappen und verzog angewidert das Gesicht. Resigniert griff sie nach dem Telefon. Es half ja nichts.Wieder einmal zu viel würde sie zu dem alternden Arzt gehen und sich eine Predigt über die 'Schönheit des Lebens' anhören müssen, während er ihr persönlich die Wunden zuklammerte. Sie würde nicken und dann mit einem leisen 'Aufwiedersehen' die kleine Praxis im letzten Haus der Straße verlassen.

'Du siehst echt häßlich aus, wenn du rauchst.' Lena hatte durch Mimis Nachthemd hindurch sehen können, dass ihr kalt war. 'Geh wieder rein, sonst wirst du krank!' Mimi hatte mit ihrem Kopf verneint: 'Nein, du wirst krank! Du kriegst Krebs und dann muss ich ganz alleine in die­ser doofen Welt leben!' Ein letztes Mal hatte Lena den Rauch in die kalte Nachtluft geblasen. Verdammt. Mimi hatte die Balkontür zugesperrt. 'Mimsch?' Es war fast eine halbe Stunde vergangen, als Lena es ge­schafft hatte, den Balkon herunterzuklettern, durch die Haustür, das Treppenhaus hoch zu sprinten und dann mit dem Schlüssel, den die beiden leichtsinniger Weise unter der Fußmatte versteckten, durch die Woh­nungstür zu kommen, um dort Mimi heulend am Boden aufzufinden. 'Maus! - Was machst du denn? Was machst du denn für Sachen?' Sie setzte sich neben die Freundin auf den Boden. Erneuter Schluchzer: 'Du lässt mich alleine!'

Der Schal war viel zu lang, so dass Lena ihn zwei mal um ihren Körper wickeln konnte. Quiet­schend fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. Oben auf dem Küchentisch lagen ihre Haustürschlüssel. Ein Lächeln schlich sich in ihr müdes Gesicht als es die ersten Schneeflocken des jungen Winters küssten. Normalerweise riefe sie Mimi nun an...

2 Kommentare 27.1.12 14:52, kommentieren

Klebetropfen

Daniel Wirtz -Scherben

Das Schweigen schien Stunden zu dauern, und Stunden schienen vergangen, bis die einsame Träne den weiten Weg über das blasse Gesicht geschafft und lautlos in die Tasse Tee getropft war. Sie starrte dort mit einer Konzentration hinein, als würde sie hier eine Antwort finden auf all die ungestellten Fragen, die sich in ihrer beider Köpfer türmten, wie Wolken am Regenhimmel. Vorsichtig tastete seine Hand über die Wachstischdecke zu ihrer. Sie sah auf. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte in ihren Eisblauen so etwas wie Hoffnung auf, doch als sich ihre Blicke trafen, erloschen die Augen wieder. Die Stille spannte, wurde immer schwerer, bis er schließlich darunter zusammenbrach: „Es tut mir leid.“, sagte er mit einer Sachlichkeit, die der eines Nachrichtensprechers gleichkam und sah auf seine Hände, die unruhig mit dem Ring spielten.
Als sie am Abend die Eisblauen schloss, erinnerte sie sich an seine Worte. „Mir auch“, dachte sie...

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